Auf nichts Unumstößliches stößt der geneigte Leser in diesem Blog. Alles ist Überlegung, nichts Überlegenheit. Standpunkte sind springende Punkte und Punktlandungen selten.
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Montag, 19. März 2018

Senkung der Wohnkosten bei steigenden Mieten

Sehr geehrte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Berliner Jobcenter,

ich helfe seit einigen Monaten einer syrischen Familie, die zu Ihren Kunden zählt, u.a. dabei, der Aufforderung nachzukommen, sich um die Senkung ihrer Wohnkosten zu bemühen.

Sie merken schon: Ich benutze Formulierungen aus Ihren Schreiben. Das tue ich nicht ohne Grund. Ihre Amtssprache bereitet vielen Menschen – auch Sprecherinnen und Sprechern des Deutschen als Muttersprache – große Schwierigkeiten, Menschen mit Deutsch als Zweitsprache ist sie geradezu unverständlich. Ich fordere Sie daher auf, zielgruppenspezifisch zu sprechen und zu schreiben. Das Wichtigste über Leichte Sprache lesen Sie bitte beim Bundesministerium für Arbeit und Soziales nach: https://www.gemeinsam-einfach-machen.de/GEM/DE/AS/Leuchttuerme/Ratgeber/Ratgeber_LS/ratgeber_ls_node.html.
Doch das nur am Rande.

Seien Sie versichert, diese sechsköpfige Familie will aus ihrer derzeitigen Unterkunft, einer Ferienwohnung mit 2,5 Zimmern, für die der Staatskasse pro Nacht und Kopf 15,00 Euro (monatlich 2700,00 Euro) entnommen werden, ausziehen. Dringender als dringend. Es bedarf keiner Aufforderung amtlicherseits. Die Wohnung befindet sich in schlechter Wohnlage sowie in einem katastrophalen baulichen Zustand und ist entschieden zu klein. Außerdem liegt sie in einem Haus ohne Aufzug im 2. Stock, obwohl eines der Kinder auf die Nutzung eines Rollstuhls angewiesen ist.

Allerdings ist der Familie ein Auszug aus dieser viel zu teuren, für sie ungeeigneten Wohnung nicht möglich, jedenfalls nicht zu den ihr auferlegten Bedingungen. Sie soll eine Wohnung finden, deren monatliche Miete inklusive aller Nebenkosten und Heizung 1008,00 Euro nicht übersteigt. Zu diesem Preis gibt es in Berlin 4-Zimmer-Wohnungen selten, Wohnungen mit mehr als 4 Zimmern gar nicht. Die Familie reagiert auf jedes Angebot, das dieser Preisvorgabe entspricht, wenn die jeweilige Wohnung zusätzlich zu Küche und Bad über wenigstens 4 Räume verfügt, auch wenn das 2 Zimmer üblicher Größe und 2 sogenannte halbe sind, mit der Bitte um einen Besichtigungstermin. In den meisten Fällen bekommt sie überhaupt keine Antwort, in den übrigen eine Absage mit dem Hinweis, dass an Jobcenter- bzw. LAGeSo-Kunden derzeit nicht vermietet wird, oder mit der Begründung, dass 4 Räume für 6 Personen zu wenig sind und die Wohnung überwohnt würde.

Bitte teilen Sie mir schnellstmöglich mit, wozu ich der Familie raten soll.

Mit freundlichen Grüßen


Kommentare:

  1. Liebe Miriam,
    zwei Tipps - ob sie helfen weiß niemand:
    1. Eine Dienstaufsichtsbeschwerde gegen das Jobcenter (muss von Leiter des Jobcenters bearbeitet werden).
    2. Als Druckverstärker wirken oft Anwälte. Die dürfen in dem Fall natürlich nichts kosten, deshalb hier eine Adresse, bei der es solche Hilfe gibt: Linkstreff.de (ist ein e.V. der zur BO Wedding der Linken gehört.
    Mehr fällt mir dazu leider auch nicht ein...
    Gruß, C. www.aufschreiber.com

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  3. Liebe Miri,

    musste dann doch mehr schreiben als einen Kommentar...
    http://www.dynamoberlin2002.de/bfcfotos/wordpress/archives/6840

    Bis bald

    Maja

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  4. Es ist wie ein Kampf David gegen Goliath. Aber wie alle Vergleiche, so hinkt auch dieser, denn jenseits der Bibel gewinnt David nicht. Ein Anrennen gegen Windmühlen? Auch das stimmt nicht. Entweder du duckst dich oder wirst von einem Mühlenflügel erschlagen.
    Den Linkstreff werde ich kontaktieren. Bin gespannt, was ich dort erfahre.
    Dienstaufsichtsbeschwerde?
    Das können wir natürlich auch tun. Die Jobcenter mit Aufsichtsbeschwerden überhäufen. Dann laufen die sog. laufenden Geschäfte noch schlechter. Alle kümmern sich um die Beschwerden.
    Die Familie, mit der ich arbeite, ist schließlich kein Einzelfall.

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  5. Zitat: "Dienstaufsichtsbeschwerde?
    Das können wir natürlich auch tun. Die Jobcenter mit Aufsichtsbeschwerden überhäufen. Dann laufen die sog. laufenden Geschäfte noch schlechter. Alle kümmern sich um die Beschwerden.
    Die Familie, mit der ich arbeite, ist schließlich kein Einzelfall."

    Aber Miriam,
    was ist denn das für eine Gewichtung? Menschenfeindliches Unrecht nicht bekämpfen, weil die Menschenfeinde dann gegenüber noch mehr Menschen menschenfeindlich sind?
    So wenig wie man menschliches Leben statistisch gegeneinander aufrechnen darf, wird diese Argumentation helfen. Dadurch bekommt keine Familie eine vernünftige Wohnung.
    Passieren wird erst etwas, wenn es gelingt, das menschenfeindliche Hartz IV-System zum Zusammenbruch zu bringen – und die Menschen sich endlich gegen die Folgen eines entfesselten Kapitalismus wehren. Illusion? Vielleicht. Aber wie sonst soll der Neo-Liberale Terror gestoppt werden?

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  6. Ich halte für sehr unwahrscheinlich, dass eine Flut von Dienstaufsichtsbeschwerden dazu führte, das unmenschliche in ein menschliches System zu verwandeln. Die Leute in den Ämtern wären vorübergehend mit Schreibarbeit beschäftigt, um alle sich beschwert Habenden mit 0/8/15-Antworten zu versorgen. Mehr nicht. Wem nutzte das? Mir schwebt eher eine Petition an den Bundestag vor. Die muss allerdings die Wohnsituation aller Menschen mit ALG II und sonstigem vergleichbar geringen Einkommen zum Gegenstand machen, also auch die der Deutschen, und so formuliert sein, dass sie denkbar viele Menschen anspricht. Sie soll nicht nur von Wählerinnen und Wählern der Linken, sondern auch von jenen der SPD, der Grünen und vielleicht sogar einigen der CDU unterschrieben werden. Illusion? Ein solcher Petitionstext wird schwierig.

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  7. Noch eine letzte, kurze Antwort: Eine Petition wäre sinnlos, weil die Abgeorneten des Bundestages aus repräsentativen Umfragen längst wissen, dass 63,xx Prozent der Bevölkerung Hartz IV ablehnen – das Parlament und die Regierung ergo Politik gegen das Volk machen – egal ob Inländer, Ausländer, Migrant, Alter oder Junger.

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  8. Hm. Okay, also auch von mir ein nur kurzes letztes Statement. Petitionen haben nicht die Funktion repräsentativer Umfragen. Sie weisen auf einen Missstand hin und fordern dessen Änderung. Günstigenfalls enthalten sie schon konkrete Vorschläge.

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